Mit dem Hochgefühl des Sehnens,
Das zu Götterthaten weiht,
Flieht der hehre Sohn Alkmenens
In den Schoß der Einsamkeit.
Tief im Herzen warme Schläge,
Fühlt er, was er soll und will;
Und an einem Scheidewege
Steht er, sinnend, plötzlich still.
Dunkler jetzt, und wieder heller
Schwebt ihm fern die Zukunft vor.
Ahnungsvoll, und schnell und schneller
Wallt ihm hoch das Herz empor.
Wird ein Wunder sich entfalten?
Ist ihm eine Gottheit nah?
Zwei erscheinende Gestalten
Stehn vor seinem Blicke da.
Eine der Gestalten leuchtet,
Wie der frische Blumenring,
Der, vom ersten Tau befeuchtet,
Um die junge Tellus hing.
"Siehe!" sprach sie, "was die Erde
Süßes hat, ich weih' es dir,
Sohn des Himmels; aber werde
Mein Getreuer, folge mir!" -
Zauber sprühn aus ihren Blicken;
Und ein weicher Schlummerduft
Trägt ein taumelndes Entzücken
Um sie her im Hauch der Lust.
Halb dem Zauber hingegeben,
Hat der Jüngling kaum Gewalt
Seine Blicke zu erheben
Zu der stillern Huldgestalt.
Ruhig naht sie, wie der Friede:
[Aber wie mit Schmach bedeckt]1,
Fühlt sich zitternd der Alcide
Von der Tugend angeschreckt. -
"Keine Freuden goldner Tage,"
Spricht sie, "kann ich dir verleihn.
Rette, kämpfe, dulde, trage!
Deiner würdig, bist du mein.
Siegen ziemt dem Göttersohne;
Sich besiegen aber weiht
Ihm die höchste Strahlenkrone
Himmlischer Unsterblichkeit." -
Und der Jüngling - schöner blühend
Stand er da vor der Natur,
Als er heilig sich und glühend
In die Hand der Tugend schwur.
Seine eigne Flamme dämpfend,
Willig Schwächern unterthan,
Geht der starke Sieger kämpfend
Seine große Heldenbahn.
Ungeheuer kämpft er nieder;
Aber seinem Frieden droht
Eine fürchterlichre Hyder,
Als in Lernas Sumpf, [den]2 Tod.
Ach, daß ihn die Tugend warne!
Weh! der freie Sieger fällt
Überwunden in die Garne,
Die der Reiz der Lust ihm stellt.
Friede noch; allein Jole
Tritt ihm in den Heldenlauf,
Und er opfert dem Idole
Seine ganze Hoheit auf.
Wie ein Blitz aus heitrer Bläue,
Stürzt herein das Mißgeschick
Grause That und Schmach und Reue
Hängen an Jolens Blick.
Sieh! er reißt sie, ohn' Erbarmen,
Mit Verrat und Meuchelmord,
Aus des grauen Vaters Armen,
Aus des Bruders Armen fort!
Plötzlich fällt die Eumenide
Des Gewissens ihm ans Herz;
Und der süße Lebensfriede
Wandelt sich in wilden Schmerz.
Schrecklich rafft er ihn zusammen,
Seines Geistes letzten Schwung;
Auf dem Öta in den Flammen
Büßt er die Entgötterung.
Und der Gott erringet wieder,
Was der Erdensohn verlor;
Die Verschattung sinkt darnieder,
Die Verklärung strahlt empor.
Schon der letzte Seufzer dringet
Aus der Sterblichkeit herauf,
Und die freie Seele schwinget
Sich ins Reich der Tugend auf.
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Authorship
1 Himmel: "Steht sie da. - Von Schaam bedeckt,"
2 Himmel: "der"
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