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Moralische Kantaten

Song Cycle by Georg Philipp Telemann (1681-1767)


1. Die Zeit

Language: German

Authorship

Available translations (or transliterations, if applicable):

    * ITA Italian (Amelia Maria Imbarrato)

Aria
 Die Zeit verzehrt
 die eignen Kinder
 viel geschwinder
 als sie die selbigen
 zur Welt geboren hat.
 Jahr, Monat, Wochen, Tag und Stunden
 sind, wenn sie sind, verschwunden;
 der Leib, der sie gebiert
 ist ihr gewisses Grab;
 die Mutter würgt sie selber ab
 und hort nicht auf und frisst
 und wird doch niemals satt.

Recitative
 Der Anfang lieget stets beim Ende.
 Kaum bricht der lichte Tag hervor,
 so zieht die Nacht den braunene Flor
 den heitern Lüften an;
 sie nimmt den Schatten in die Hände,
 der auch sogar den Mittag selbst verdunkeln kann,
 und kehrt das Licht in Finsterniss.
 Ach, braucht den Tag!
 Die Nacht folgt bald, und dass gewiss.

Aria
 Fahrt, reitet, spielt Karten,
 trinkt Koffee, raucht Knaster,
 sucht Scherz und Vergnügen,
 singt, tanzet und lacht!

 Macht euch lustig, aber wisset,
 dass ihr einst von euer Lust
 Red und Antwort geben müsset!
 Darum bleibet in den Schranken,
 nehmt dei Grenzen wohl in acht!

Input by Amelia Maria Imbarrato


2. Hoffnung

Language: German

Authorship

Available translations (or transliterations, if applicable):

    * ITA Italian (Amelia Maria Imbarrato)

Aria:
 Hoffe nur, geplagtes Herze,
 daß der Himmel nach dem Schmerze
 dich auch einst erfreuen kann!
 Weg mit ängstichen Gebärden!
 Der Verhängnis lässt mich nicht
 meiner Feinde Hohnlied werden,
 und ich höre, dass es spricht:
 Dir wird nächstens wohlgetan.

Recitative:
 Die Hoffnung stürzt mich noch,
 sonst läg ich wirklich schon;
 ihr angehnemer Ton
 verstopft mein Ohr
 vor jener bittern Melodie,
 mit der die Grillen
 bei der verdrüssliche Melancholie
 so Kopf als Herze füllen.

 Lass sein, mein Glücke wankt;
 draus folgt nicht, dass es fällt;
 die Hoffnung, die mich stets
 mit starken Armen hält,
 entreisst mich der Gefahr,
 von der ich ohne sie
 nicht zu befreien war.

Aria:
 Mein Glücke nimmt sich Zeit,
 drum lass ich mir's gefallen;
 es komme wenn es kommt,
 so nehm ich's freudig an.
 Kommt es nicht heute,
 so kommt es doch morgen;
 der Himmel wird mich doch versorgen;
 er weiss schon, dass ich warten kann.

Input by Amelia Maria Imbarrato


3. Das Glück

Language: German

Authorship

Available translations (or transliterations, if applicable):

    * ITA Italian (Amelia Maria Imbarrato)

Aria:
 Guten Morgen, faules Glücke,
 steh auf und zieh dich an,
 es wird bald Mittag sein!
 Doch, ach, du bleibst
 bei deiner Mode
 und schläfst dich ganz gewiss
 nach endlich gar zur Tode;
 erwachst du gleich manchmal,
 so schlummerst du doch stets
 zu meiner grössten Qual
 wider mein Verhoffen ein.

Recitative:
 Erwache doch
 und reiss mich heute noch
 aus meiner vielen Sorgen!
 Warum verschiebest du
 den Abschnitt meiner Not
 bis morgen?
 Ich bin vielleicht wohl morgen tot.
 Doch, ihr Gedanken, still!
 Wenn ihr geduldig seid,
 wird euch zu seiner Zeit
 die Hoffnung frölich machen.
 Sie predigt mir bereits
 was Angenehmes vor
 und ruft und schreit mir in das Ohr:
 In kurzem wirst du glücklich sein.

Aria:
 Schlaf indessen,
 wertes Glücke,
 aber schlaf auch
 nicht zu lange!
 Denk doch einst
 an mich zürucke
 und vergnüge meine Qual,
 endlich doch einmal!
 Wo du mir's zu lange machst
 und nicht bald, nicht bald erwachst,
 macht mir endlich mit der Zeit
 deiner Blicke Schläfrigkeit
 das Leben feil, die Welt gedrange.

Input by Amelia Maria Imbarrato


4. Der Geiz

Language: German

Authorship

Available translations (or transliterations, if applicable):

    * ITA Italian (Amelia Maria Imbarrato)

Aria:
 Ihr Hungerleider, ruht einmal
 von eurer selbstgemachten Qual
 und höret auf zu fasten!
 Ihr seid zwar reich,
 doch auch dem ärmsten Bettler gleich
 bei euren vollen Kasten.

Recitative:
 Wem hebt ihr alles auf?
 Wem soll das grosse Gut,
 von dem ihr euch doch nihcts zugute tat?
 Wisst ihr es nihct, so dürft ihr mich nur fragen;
 hört her! Ich will's euch sagen:
 Ihr sammlet für lachende Erben,
 die mit der Zeit, nach eurem Sterben,
 auf euren Federn prächtig ruhn
 und alles auf einmal vertun.

 Ihr lebet arm und sterbet reich;
 ihr friert, damit sich andre einst
 an euren Kohlen wärmen können.
 Ach, sterbt nur!
 Das ersparte Holz wird einmal
 desto heller brennen.

Aria
 Ihr Taler, lasst euch nicht verlangen!
 Wisst, der Erlösungstag
 bringt endlich doch herein!
 Der Henker, der euch in der Welt
 gefänglich eingebracht
 und in Verwahrung hält,
 sperrt, weil er sterben kann,
 euch nicht auf ewig ein.

Input by Amelia Maria Imbarrato


5. Die Falschheit

Language: German

Authorship

Available translations (or transliterations, if applicable):

    * ITA Italian (Amelia Maria Imbarrato)

Aria:
 Lasst mich über Falschheit klagen,
 die bis in die Seele kränkt.
 Höflich Bücken, glatte Wort
 spürt man an so manchem Orte,
 wo die Lippe trüglich sagen,
 was man heimlich anders denkt.

Recitative:
 Man sehe doch,
 mit welcher Freundlichkeit dort Philidor
 dem Stax den guten Abend beut:
 Sie küssen, sie umarmen sich,
 und ancher sollte schwören,
 dass sie ein ander Ich,
 ein einziges Herz
 in zweien Leibern wären.
 Geduld!
 Wir werden sie bald besser kennen.
 Schaut, wie sie sich so zärtlich trennen!
 Schleicht beiden nach!
 O weh, was hört man nicht!
 Stax schreit den Philidor von Haus
 zu Haus als einen Erzbetrüger aus,
 da der von jenem spricht,
 er sei der grösste böse Wicht.

Aria:
 Entweich von mir, verstellte Tücke!
 Du sollst von mir verbannet sein!
 Ich will mit treuem Herzen wandeln
 und gegen jedem redlich handeln;
 gereicht mir's gleich zum Ungelücke,
 so bleibt doch mein Gewissen rein.

Input by Amelia Maria Imbarrato


6. Grossmut

Language: German

Authorship

Available translations (or transliterations, if applicable):

    * ITA Italian (Amelia Maria Imbarrato)

Aria:
 Furchtsam weinen, ängstlich schweigen,
 wenn sich Donnerwolken zeigen,
 ist des Pöbels Eigenschaft.
 Feige Seelen martern sich
 durch ein niederträchtigs Zagen;
 aber wen die Grossmut stürzt,
 den kann nichts zu Boden tragen,
 den erhebt der Fall von aon aussen
 durch die innerliche Kraft.

Recitative:
 Ein Mann, der Raum im Herzen hat,
 wird von der Not gebeugt,
 doch niemals ganz zerbrochen;
 er hält sein Osterfest
 oft mitten in der Martewochen;
 er murret nicht,
 wenn sich das Schicksal grausam stellt.
 Warum? Er kennt den Unbestand
 des Glükkes in der Welt.

Aria:
 Der Himmel führt die Seinen oft
 durch Schmerzen und Kummer,
 durch dünne, durch dicke.
 Bald zerrt aus sein Eifer
 die Treppen hinab,
 bald reicht uns die Hoffnung
 den tröstlichen Stab
 und lenkt uns und zieht uns
 die Stufen zurücke.

Input by Amelia Maria Imbarrato


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